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PERMA – was Wohlbefinden wirklich bedeutet


Über Seligmans Modell positiver Psychologie, seine wissenschaftliche Grundlage – und warum alle fünf Dimensionen in einer einzigen NCP-Session wirksam werden.



Wohlbefinden ist kein Gefühl.

Das ist die provokanteste Aussage der positiven Psychologie – und gleichzeitig ihre präziseste. Martin Seligman, einer der Begründer dieser Disziplin, verbrachte Jahrzehnte damit, psychologisches Wohlbefinden von flüchtiger Stimmung zu unterscheiden. Was er entwickelte, ist kein Selbsthilfemodell. Es ist ein wissenschaftlich fundiertes Framework, das Wohlbefinden in messbare, kultivierbare Dimensionen zerlegt.

PERMA ist das Ergebnis.


Und es hat mehr mit Neurodiversität zu tun, als auf den ersten Blick sichtbar ist.


Seligman und die Positive Psychologie

Martin Seligman wurde 1946 in Albany, New York, geboren. Seine frühe Karriere widmete er der Erforschung von erlernter Hilflosigkeit – dem Phänomen, dass Lebewesen aufhören, Kontrolle zu suchen, wenn sie wiederholt erfahren haben, dass ihre Handlungen keinen Unterschied machen.


Diese Forschung war dunkel, aber präzise. Und sie enthielt den Keim von etwas anderem: Wenn Hilflosigkeit erlernt werden kann, kann auch das Gegenteil erlernt werden. Wenn Systeme lernen aufzugeben, können sie auch lernen, weiterzumachen.


1998 übernahm Seligman die Präsidentschaft der American Psychological Association und nutzte diese Plattform, um eine Verschiebung zu fordern. Psychologie hatte sich – aus verständlichen historischen Gründen – fast ausschließlich mit Pathologie beschäftigt. Mit dem, was falsch läuft. Mit der Reparatur von Defiziten.


Seligman stellte eine andere Frage: Was macht Menschen aufblühen? Nicht: Was fehlt? Sondern: Was trägt?


Aus dieser Frage entstand die positive Psychologie als eigenständiges Forschungsfeld – und aus Jahren empirischer Arbeit entstand PERMA.


Die fünf Dimensionen

PERMA ist ein Akronym. Jeder Buchstabe bezeichnet eine Dimension, die zum Aufblühen beiträgt – nicht als isoliertes Element, sondern als Teil eines dynamischen Systems.


P – Positive Emotions

Positive Emotionen sind mehr als angenehme Gefühle.

Barbara Fredrickson, deren Broaden-and-Build-Theorie eng mit PERMA verbunden ist, zeigt: Positive Emotionen erweitern den Wahrnehmungs- und Handlungsspielraum. Sie bauen psychologische, soziale und kognitive Ressourcen auf, die weit über den Moment hinaus wirken.


Freude, Neugier, Dankbarkeit, Ehrfurcht, Heiterkeit – all das sind keine Luxuszustände. Sie sind Ressourcen. Und sie entstehen nicht durch den Willen, sich besser zu fühlen, sondern durch Bedingungen, die sie ermöglichen.


Für neurodivergente Menschen ist dieser Punkt bedeutsam. Positive Emotionen entstehen nicht in jedem Kontext gleich leicht – in Umgebungen, die Anpassung fordern, sozialen Druck erzeugen oder sensorisch überwältigend sind, werden kognitive Ressourcen für Regulation gebunden statt für Erleben.


Der Raum für positive Emotionen entsteht erst, wenn das Nervensystem sich sicher fühlt.


E – Engagement

Engagement ist Csikszentmihalyis Flow – vollständige Absorption in eine Tätigkeit, die Fähigkeiten und Herausforderung in Balance hält. Seligman übernimmt das Konzept und integriert es in sein Wohlbefindens-Framework.


Was Engagement von Vergnügen unterscheidet: Es braucht keine angenehmen Gefühle. Im Flow ist man oft nicht bewusst glücklich – man ist einfach vollständig präsent. Das Wohlbefinden entsteht im Rückblick, nicht im Moment.


Für neurodivergente Menschen, die Flow > denken wir an den Hyperfokus < oft intensiver erleben als neurotypische – und gleichzeitig in konventionellen Strukturen seltener die Bedingungen dafür finden – ist Engagement eine der zugänglichsten PERMA-Dimensionen, wenn der Kontext stimmt.


R – Relationships

Positive Beziehungen sind eine der robustesten Variablen in der Wohlbefindens-Forschung. Menschen, die stabile, bedeutungsvolle Verbindungen haben, leben länger, erkranken seltener und erholen sich schneller von Belastungen.


Seligman betont dabei nicht die Quantität sozialer Kontakte, sondern die Qualität. Tiefe Verbindung, das Gefühl gesehen zu werden, echte Resonanz – das sind die Variablen, die zählen.


Für neurodivergente Menschen ist diese Dimension oft die schwierigste – nicht weil der Wunsch nach Verbindung fehlt, sondern weil soziale Umgebungen so selten so gestaltet sind, dass echte Verbindung möglich wird. Smalltalk erschöpft. Oberflächlichkeit frustriert. Masking verhindert das Gesehen-werden, das Verbindung erst bedeutsam macht.


M – Meaning

Meaning – Sinn – entsteht durch die Verbindung zu etwas, das größer ist als das eigene Selbst. Eine Überzeugung, eine Gemeinschaft, eine Praxis, eine Idee.


Was Seligman dabei betont: Sinn muss nicht religiös oder philosophisch sein. Er muss authentisch sein. Sinn, der von außen zugeschrieben wird, trägt nicht. Sinn, der aus dem eigenen Erleben entsteht, ist neurobiologisch wirksam – er aktiviert das mesolimbische Belohnungssystem auf eine Weise, die kurzfristige Belohnungen nicht replizieren können.

Für Menschen, die ihr Leben damit verbracht haben, sich in Systeme einzupassen, die nicht für sie gedacht waren, ist die Frage nach Sinn oft dringlicher als für andere. Und gleichzeitig schwerer zu beantworten – weil die Suche nach authentischem Sinn Zeit und Raum braucht, die gesellschaftliche Normalstrukturen selten bieten.


A – Accomplishment

Accomplishment – Leistung, Erfolg, das Erreichen von Zielen – ist die fünfte Dimension. Aber Seligman ist hier präzise: Es geht nicht um Leistung im gesellschaftlichen Sinne. Es geht um das intrinsische Erleben von Kompetenz und Wirksamkeit.


Selbstwirksamkeit – das Konzept, das Albert Bandura Jahrzehnte zuvor formulierte – ist eng verwandt. Die Überzeugung, dass die eigenen Handlungen einen Unterschied machen, ist eine der stärksten Schutzfaktoren für psychische Gesundheit.


Für neurodivergente Menschen, deren Leistungen in konventionellen Kontexten oft nicht anerkannt oder sichtbar gemacht werden, ist diese Dimension besonders bedeutsam. Accomplishment entsteht nicht durch externe Bewertung – sondern durch die eigene Erfahrung von Wirksamkeit. Dafür braucht es Kontexte, in denen diese Erfahrung möglich ist.


PERMA und Neurodiversität – was das Modell öffnet

Die positive Psychologie wird manchmal kritisiert, ein westliches, individualistisches Wohlbefindens-Ideal zu universalisieren. Diese Kritik ist nicht unberechtigt – und Seligman selbst hat sie in späteren Arbeiten aufgegriffen.


Was bleibt, wenn man die Kritik ernst nimmt: PERMA als Framework ist keine Vorschrift. Es ist eine Landkarte – eine Möglichkeit, zu verstehen, welche Dimensionen im eigenen Leben präsent sind und welche fehlen. Und es ist ein Werkzeug, um Bedingungen zu gestalten, die Aufblühen ermöglichen – nicht in einem universellen Sinne, sondern individuell.


Für neurodivergente Menschen, deren Bedingungen für Wohlbefinden sich von neurotypischen Normen unterscheiden, ist genau das wertvoll. PERMA fragt nicht: Warum passt du nicht in die Strukturen, die für andere funktionieren? Es fragt: Welche Bedingungen brauchst du, damit die fünf Dimensionen für dich entstehen können?

Das ist ein anderer Ausgangspunkt. Und ein deutlich produktiverer.


PERMA in einer NCP-Session

Was NCP von anderen Bewegungs- und Achtsamkeitsformaten unterscheidet, ist nicht eine einzelne Methode. Es ist die simultane Adressierung aller fünf PERMA-Dimensionen – in einer einzigen Session, ohne dass eine davon explizit benannt oder angestrebt werden muss.


Positive Emotions entstehen im geschützten Raum ohne Bewertung. Wenn das Nervensystem sich sicher fühlt, wenn sensorische Überladung reduziert ist, wenn Masking nicht nötig ist – dann entsteht Raum für Freude, Neugier, Leichtigkeit. Nicht als Ziel, sondern als Ergebnis der Bedingungen.


Engagement entsteht durch die Kombination von Bewegung, Atem und philosophischem Impuls. Körper und Geist sind gleichzeitig gefordert – auf einem Niveau, das Absorption ermöglicht, ohne zu überfordern. Der schmale Korridor des Flow öffnet sich, weil die Bedingungen dafür gestaltet sind.


Relationships entstehen im sozialen Teil der Session – nicht durch erzwungene Interaktion, sondern durch geteiltes Erleben. Menschen, die denselben Bogen durchlaufen haben, befinden sich in einem Zustand gemeinsamer Regulation. Verbindung entsteht aus diesem Boden heraus – authentisch, ohne Leistungsdruck.


Meaning entsteht durch den philosophischen Impuls. Eine Idee, eine Frage, ein Konzept – das keine Antwort verlangt, sondern Resonanz. Für Menschen, die Tiefe suchen und selten finden, ist dieser Moment einer der bedeutsamsten der Session.


Accomplishment entsteht durch die Erfahrung der eigenen Wirksamkeit. Eine Bewegungssequenz abgeschlossen. Einen Gedanken weitergedacht. In einem sozialen Raum gewesen, ohne erschöpft zu sein. Diese Erfahrungen sind klein – und sie sind real. Das Nervensystem registriert sie. Und mit der Zeit verändert sich die innere Überzeugung darüber, was möglich ist.


Was das bedeutet

PERMA ist kein Versprechen. Kein Neuro Cohesive Practice-Format garantiert Aufblühen.


Was es garantiert, sind Bedingungen – Bedingungen, die für neurodivergente Nervensysteme selten so gestaltet sind, und die in NCP intentional und methodisch eingebaut wurden.


Csikszentmihalyi hat Flow beschrieben. Seligman hat Wohlbefinden kartiert. NCP ist kein Derivat beider – aber es arbeitet in demselben Terrain. Mit demselben Respekt vor der Komplexität menschlichen Erlebens. Und mit dem Verständnis, dass Bedingungen gestaltbar sind.


Quellen & Weiterführende Literatur


Seligman, M. E. P. (2011). Flourish: A Visionary New Understanding of Happiness and Well-being. Free Press.


Seligman, M. E. P. (2002). Authentic Happiness. Free Press.


Fredrickson, B. L. (2001). The role of positive emotions in positive psychology. American Psychologist, 56(3), 218–226.


Csikszentmihalyi, M. (1990). Flow: The Psychology of Optimal Experience. Harper & Row.

Bandura, A. (1997). Self-Efficacy: The Exercise of Control. Freeman.


Kern, M. L. et al. (2020). Psychological need satisfaction across activities and time. Motivation and Emotion, 44, 217–231.


Forgeard, M. J. C. et al. (2011). Doing the right thing: Measuring wellbeing for public policy. International Journal of Wellbeing, 1(1), 79–106.


Ryff, C. D. & Singer, B. H. (2008). Know thyself and become what you are: A eudaimonic approach to psychological well-being. Journal of Happiness Studies, 9(1), 13–39.

Flowintoo – Blogbeitrag. Frei verfügbar.



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